H0 Gartenbahn? Aber ja!
Alle Gascogner sind verrückt. Die, die nicht verrückt sind, sind sehr gefährlich.
Die drei Musketiere
Wenn man in irgend einem der bekannten, deutschsprachigen Modelleisenbahn-Foren heute die Frage aufwirft, ob denn eine „H0 Gartenbahn“ möglich sei, dann werden sich ziemlich sicher ziemlich sofort Fünfe oder Zehne finden, die davon auf das Lebhafteste und mit den vernünftigsten Argumenten abraten. Im Kern: Sämtliches in H0 verfügbare Material ist nicht für „outdoor“ konzipiert. Wind, Regen, Schnee, Hitze, Kälte, Flora, Fauna, Waldi und Schnurli würden Trassen, Gleisen, Antrieben, Elektrik, allfälligen Bauwerken und Deko schlimm zusetzen, sie auf kurz oder lang samt und sonders schrotten. Wenn es überhaupt möglich sei, so etwas zu bauen, dann nur mit sehr großem Aufwand und bei noch größerem Instandhaltungsaufwand und selbst dann könne nicht damit gerechnet werden, dass das mehrere Jahre hielte.
Solchermaßen gründlich abgeschreckt werden die Meisten sich wieder „realistischeren“ Vorhaben zuwenden.
Und doch gibt es mehrere großartige, spinnerte Briten (und noch eine Handvoll anderer), die sich eine „H0 Gartenbahn“ gebaut haben und diese seit mehreren Jahren ganz fröhlich betreiben.
Das hier dürfte so ungefähr der Pionier, der Grumpy Grandad aller OO Garden Railway-Betreiber*innen, sein: 1971 hat er’s gebaut, aus 2011 stammen die Videos — mit ganz zurecht stolzer musikalischer Untermalung:
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Ein weiterer, in Insiderkreisen hochberühmter Pionier: Don Jones, Dons Miniature New Street (DMNS), mit einer beeindruckenden Indoor-Outdoor-Kombi, die am ersten September-Wochenende für ein buntes Völkchen zugänglich war. Hach! Die 80er:
Warum denn nur?
Keiner von denen sagt, dass es einfach ist — aber durchaus machbar. Zuerst aber: Warum um alles in der Welt will man sowas Verrücktes machen? Ein paar Gründe, einschließlich derer, die mir selbst einfallen:
- Es gibt zwar einen Garten aber kein Haus. Oder es gibt zwar auch ein Haus im Garten, aber darinnen keinen ausreichenden Platz für eine Eisenbahn in eins zu siebenundachzig. Oder es gäbe zwar auch Platz, aber für diesen keine Baubewilligung durch die Haushaltsdirektion. Und beim Vorschlag, dann halt die Eisenbahn im Garten zu bauen, erteilt die Haushaltsdirektion die Bewilligung im sicheren Vertrauen auf die Undurchführbarkeit. Ha!
- Das Thema „Platzmangel“ kennt noch Variationen: So kann es schon eine konventionelle Anlage im Dachboden oder Keller geben, auf der sich seriös spielen, also „Betrieb machen“ lässt. Man würde aber doch auch gerne richtig lange Reisezüge auf die Reise schicken, oder richtig lange Güterzüge mit den USA-/Kanada-/Australien-Modellen, die sonst nur in der Vitrine oder in Schachteln zu betrachten sind. Wie etwa bei diesen Leuten aus Brno, die beim Bau überaus professionell zu Werke gegangen sind und auf die noch zurückzukommen sein wird:
- Oder man betrachtet es wie der fabelhafte Trevor Jones: Eisenbahn und Garten als Gesamtkunstwerk:
Herrlich! Mit Kunstbauten, die nicht nur kunstvoll gebaut sind sondern auch echtes Gelände und echte Gewässer zu überwinden haben. Die auf ein Siebenundachzigstel geschrumpften Passagiere können sich an — je nach Gemüt — märchenhaften oder bizarren, auf jeden Fall aber unübertrefflich realistischen Landschaften erfreuen. Und die Ungeschrumpften, die ihnen dabei zusehen, auch. Auf den fabelhaften Trevor Jones wird jedenfalls noch zurückzukommen sein. Am Garteln mit der Eisenbahn haben auf der Insel ja noch Mehrere ihre Freude. So der ebenfalls fabelhafte, man möchte sagen: kongeniale, Paul Barnard:
Oder der fabelhafte Iain:
Oder der fabelhafte Matthew Weaver:
Oder der fabelhafte Mark Edwards:
Oder, eisenbahn- und gartenbaulich beeindruckend, James’ Trains at York:
Dazu gibt’s auch einen beeindruckenden Endbahnhof, nämlich York, „indoors“:
Und noch einmal ganz herrlich der fabelhafte Ian McKechnie:
Da gibt’s dann auch zusätzliche Kleinodien wie diese hier:
Danes Wood Railway — SteinbruchOriginalfoto: Fungus, hier
Danes Wood — KanalOriginalfoto: Fungus, hierUnd weil’s so herrlich ist hier nochmals aus der Perspektive der auf Einszusiebenundachzig Geschrumpften:
Gascogner aller Länder! Bei Garden Railway H0 Brazil geht’s ebenso lauschig wie matschig zu — inklusive Fitzcarraldo-mäßiger Kathedrale aus ... Matsch!
Lauschiger als in diesem Modellbahngarten — ebenfalls in Brasilien — geht’s nicht. Die Bahnanlagen in teils recht abenteuerlichem Zustand, die Fahrzeuge stilgerecht gealtert, die Häuser, die Autos, die Landschaft ... und auch hier reichlich stimmungsvoller Matsch:
Mehr als den YouTube-Kanal gibt’s nicht und auch dort leider kein Fitzelchen Text — deshalb kann ich keine näheren Angaben zu Errichter, Errichtung und Funktionsweise machen. Da Gleisreinigung hier ganz und gar kein Thema sein dürfte vermute ich aber stark, dass die Stromversorgung der Lokomotiven eher mit Batterien als über die Gleise erfolgen wird (und die Steuerung demgemäß auch über Funk ...).
Wer andererseits den Unbilden von Fauna und Flora lieber ausweichen möchte, bevorzugt halt die Hochlage. Das Mißtrauen gegenüber der natürlichen Natur wird hier durch Hintergrundkulisse und Modellbäume noch unterstrichen — aber Auslauf bekommen die Züge immerhin:Bei Craig Owen kann’s in der ungekünstelten Hochlage in freier Natur losgehen nachdem das Hendl die Strecke freigegeben hat:
- Oder man hat einfach Spaß daran, die Bahn durch „etwas extreme“ Landschaft fahren zu lassen wie dieser österreichische Steigungs-Aficionado und Landschaftsbau-Minimalist:
- Wenn der Garten etwas Auslauf bietet haben die Züge endlich wirkliche Distanzen zu überwinden statt sich durch Gleiswendel zu winden. So großzügige Gleisradien dürften im Keller wie am Dachboden nur selten herstellbar sein. Das hier ist richtig viel Auslauf, bei dem die Züge ein gutes Stück des Weges auf sich selbst gestellt sein dürften. Aber hey: No risk, no fun!
Und noch eine enorme Paradestrecke in Hochlage:
Hier ist in mehrfacher Hinsicht noch kein Ende absehbar:
Minffordd Garden RailwayOriginalfoto: Duncan, hier - Das Thema lässt sich natürlich auch variieren und erweitern: Nehmen wir einmal an, Argument Nummer 1 trifft gar nicht zu, weil es eine Anlage im Keller schon gibt oder die Haushaltsdirektion die Baubewilligung dafür erteilt hat. Oder es gibt ein Gartenhäuschen (oder eine Baubewilligung für ein solches). Dann könnte man ja „inwendig“ den großen Bahnhof bauen, der einen sonst zum Verzicht auf Strecke und Landschaft zwänge — und die Züge durch eine Luke hinaus in die Landschaft lassen. Also im Prinzip etwas wie schon im obigen Beispiel (Firstlight Railway) oder in dieser Art:
Oder so:
Und hier noch eine Variante mit „Unterstand“ für das „Betriebszentrum“:
Die Idee wird, glaub’ ich, deutlich. Und sonst? Da war doch noch ’was ... Ah, ja: Vereinigt Euch!
- Gesetzt, ein Verein hätte ein Lokal mit freier Fläche d’rum ’rum: Dann wäre der Bau und Betrieb von etwas in dieser Art vielleicht ein besonderes, gemeinschaftliches Vergnügen und zudem eines für die Besucher*innen. Und auch die saisonale Instandhaltung ließe sich gemeinsam vielleicht locker stemmen.
- Was aber, wenn schließlich der eigene Garten zu klein wird? Nuja: Wo ein Spinner sich niedergelassen hat, hat’s ja vielleicht auch noch ein zweiter. Der Gipfel der Spinnerei wäre dann, die Züge von Garten zu Garten (und von Luke zu Luke) fahren zu lassen.
- Etc.
Zu so ziemlich sämtlichen angeführten Gründen kann man natürlich sagen: Gut & schön, aber das alles lässt sich ja auch in den gartenbahnüblichen und dafür ausgelegten größeren Nenngrößen (von 0 bis G) realisieren. Nunja: Alles, was mit Platzgewinn, Auslauf und langen Zügen zu tun hat, relativiert sich natürlich bei größerem Material sogleich wieder. Auch kostet das größere Material dementsprechend mehr. Und wenn man bisher eine Menge Material in H0 angesammelt hat will man dieses möglicher Weise nicht verschleudern und wieder von vorne anfangen. Sofern die häuslichen Platzverhältnisse nicht wirklich luxuriös sind dürfte eine indoor/outdoor-Kombination so richtig gut auch eher in Halb-Null als in Ganz-Null zu verwirklichen sein. Und schließlich handelt es sich ja um eines der letzten, großen Abenteuer ...
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