Der Personenbahnhof der Kaiser Ferdinands Nordbahn in Wien
(Mit Zeichnung auf den Tafeln 20-28)
Die vielfachen Missstände welche bei der schon aus dem Jahre 1835 stammenden ersten Anlage des Nordbahnhofes in Folge des ungeahnten Verkehrs-Aufschwunges sich ergaben, und welche durch einen — wenn auch umfassenden — Umbau nicht zu beheben waren, veranlassten den in den Jahren 1858—1865 durchgeführten Neubau desselben, von welchem wir in vorliegendem Hefte Grundrisse, Profil und Faßade geben und später Situation und mehrere Detail-Ansichten folgen lassen werden. —
Der Bahnhof besteht aus zwei Hauptgebäuden, von welchen das der Nordbahnstrasse zugekehrte für die Aufnahme der abgehenden Reisenden bestimmt ist, und das gegen den Waaren-Bahnhof gelegene Wartelokale für die Ankommenden enthält; beide Gebäude, von höheren Eckpavillons begränzt, schliessen die 3schiffige Personenhalle zwischen sich, welche die Perrons und 5 Geleise bedeckt. An den Abgangsperron reiht sich die Revisionshalle, an welche sich sodann eine gedeckte Ausgangsgalerie und der für die Aufstellung der Fahrgelegenheiten bestimmte Hof anschliessen.
Die Aufgabe, genügende Räume für den Andrang der Reisenden insbesondere im Aufnahms-Gebäude zu schaffen, wurde erschwert durch das gegebene, verhältnissmässig geringe Ausmass der Baufläche; ferner durch die Schienenhöhe von 2° 0’ 6" über dem Strassenniveau, welche eine raumabsorbirende Treppen-Anlage bedingte, endlich durch die Unmöglichkeit, Souterrains anzulegen, in welche untergeordnete Restaurations- etc. Räume hätten verlegt werden können. — Um für das Vestibul möglichst freien Raum zu gewinnen, wurden die im Fond desselben gelegenen Personenkassen unter den Abgangsperron gerückt, und in ähnlicher Weise die Keller für die Restauration, die Holzlagen etc. untergebracht.
Um die Säulen und Pfeiler, welche die Scheidemauern des obern Stockwerkes tragen bei Wahrung der erforderlichen Sicherheit in schlanken, den Verkehr möglichst wenig hemmenden Dimensionen anlegen zu können, wurden die Schäfte der ersteren von Granit (aus den Brüchen von Mauthausen), die Pfeilerschäfte von Wöllersdorfer Kalkstein, sämmtliche Füsse und Kapitäle von dem kompakten und feinkörnigen Untersberger (Salzburger) Marmor hergestellt. Die Säulenschäfte, sowie die Gliederungen der mit reicher Bildhauer-Arbeit geschmückten Kapitäle sind geschliffen und polirt, die Pfeilerschäfte mit grünem und rothem (verde u. rosso antico imitirendem) Stuckmarmor bekleidet. Auf den Säulen und Pfeilern erheben sich reich gegliederte Kreuz- und Fächergewölbe. Die Decken sämmtlicher übrigen Räume sind auf genieteten Eisen-Traversen eingewölbt. —
Die Wände des Hofsalons sind mit, in entschiedenen Farben gehaltenen, Stuckmarmor bekleidet und mit den allegorischen Statuen der Austria und der Hauptstädte der Provinzen, durch welche die Nordbahn führt, geschmükt.
Das 2. Hauptgebäude auf der Ankunftsseite enthält einen für die Aufnahme des k. k. Hofes beim Empfange fremder allerh. Herrschaften bestimmten Salon, welcher, weil auf längeren Aufenthalt berechnet, geräumiger und in noch reicherer Ausstattung angelegt wurde, als der oben erwähnte Abfahrtssalon. Die Wände sind ebenfalls mit farbigem Stuckmarmor überzogen und zeigen in 4 Hauptfeldern Freskobilder, Ansichten der 4 Provinzhauptstädte als Charakteristik des Landes, und allegorische Statuen; zwischen je 2 Hauptfeldern steht eine mit Blumen und Schlingpflanzen dekorirte Marmorfontaine — der Fussboden besteht aus venetianischem Terrazzo in reichem Dessin.
Ein ähnlicher, entsprechend einfacher dekorirter Wartesalon ist für das höhere Publicum bestimmt.
Die oberen Stockwerke beider Gebäude, welche durch einen längs der Stirnseite der Personenhalle hinlaufenden Kommunikations-Gang verbunden sind, enthalten die Bureaux der Centraladministration, einen Sitzungssaal für die Direktion etc.
Die Beheizung der Wartelokalitäten geschieht durch Meissnerische Luftheizung. — Sämmtliche Dächer sind mit Zink eingedeckt; das Dachwasser ist nach Innen geleitet und zum Ausspülen der Retiraden benützt. Die Oberlichten der Personenhalle sind aus 5" starken Gussglasplatten hergestellt.
Eine durch den ganzen Bahnhof verzweigte Wasserleitung speist die Fontainen des Hofsalons und dient zur Ausspülung der Pissoirs.
Als Baustyl wurde ein dem spätromanischen sich anschliessender Rundbogenstyl gewählt; sämmtliche Ausstattungsgegenstände als: Kandelaber, Gasluster, Möbel etc. wurden nach eigenen Zeichnungen und Modellen ausgeführt, und keine Kosten gescheut, um einestheils den Ansprüchen des Publikums, anderntheils der Würde einer der grössten und rentabelsten Verkehrs-Anstalten des Kontinents zu entsprechen.
Der Entwurf und die Ausführung der Pläne und Details wurde bezüglich der Gebäude dem Architekten Th. Hoffmann, bezüglich der Personenhalle dem Oberingenieur Hermann übertragen. Bei der Ausführung betheiligten sich die namhaftesten technischen und kunstindustriellen Kräfte der Hauptstadt. Die Maurer-Arbeiten wurden von Ubell & Frauenfeld, die Steinmetz-Arbeiten von Hauser & Pranter hergestellt; die figuralische Bildhauerarbeit wurde von Mitterlechner & Schönthaler, die ornamentale von Pokorny & Schönthaler, die Fresken des Hofsalons vom Landschaftsmaler Schwenninger, die Dekorations-Malerei von Gläser, die Marmor-Arbeit von Detoma, die Mosaikfussböden von Odorico ausgeführt. Das Eisenwerk der Personenhalle wurde von dem freiherrl. v. Rothschildschen Hüttenwerke Witkowitz, die Revisionshalle von dem Erzh. Albrecht’schen Werke Teschen hergestellt.
aus: Allgemeine Bauzeitung, 1870
